Industriekletterer

Wie werde ich Industriekletterer/in?

24. Februar 2021

Wo kein Kran und kein Gerüst stehen kann, müssen Industriekletterer ran. Gesichert mit Gurt und Seil hangeln sie sich an Brücken oder Kraftwerkstürmen auf und ab. Schwindelfreiheit ist Pflicht.

Es ist 8 Uhr morgens, draußen ist es grau und kalt. Zwei große Vans der Firma 3ker-ras-group kommen auf dem Parkplatz des Sportparadieses in Gelsenkirchen an.

Der 45-jährige Rene Bötel aus Köln und der 29-jährige Manuel Driller aus Dortmund steigen aus ihren Autos. Heute ist ihr Einsatzort das Freizeitzentrum in Gelsenkirchen, das alljährlich gewartet wird. Schallschutzelemente an der Decke sollen getauscht werden. Um diese schwer erreichbaren Elemente zu reparieren, kann kein Gerüst aufgestellt werden – es braucht Industriekletterer .

Ein Beruf mit Risiken

Manuel Driller klettert seit er 14 Jahre alt ist und hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der gelernte Tischler hat eine Zusatzausbildung zum Industriekletterer. Jetzt schnallt er sich seinen Gurt mit Karabinern, Seilen, Trägerklemmen, Sicherungsgerät, Abseilgerät und Erste-Hilfe-Tasche um.

Bötel, mit einer Ausbildung zum aufsichtsführenden Höhenarbeiter, bleibt heute meist am Boden. Er schaut, von wo aus der Einstieg in die „Struktur“ am besten ist. Nichtsdestotrotz zieht er ebenfalls seine volle Ausrüstung an. Gewappnet für den „Fall der Fälle“ – die Rettung seines Kollegen.

Mit Respekt vor der Höhe

Nicht nur deshalb arbeiten Industrie- und Fassadenkletterer in der Regel mindestens im Zweierteam. Bötel sucht nach dem am leichtesten, zugänglichen Punkt zum Einstieg. Die notwendigen Seile werden am ersten Stahlträger befestigt, und Driller beginnt seine Klettertour. Um an die defekten Schallschutzelemente zu gelangen, befestigt er die Seile immer wieder aufs Neue mithilfe von Trägerklemmen.

Normalerweise toben hier hunderte von Badegästen in den Wellen des Schwimmbades. Jetzt schaut man auf einen trockenen, harten Beckenboden. Ein circa zehn Meter Fall darauf könnte tödlich enden. „Man sollte niemals den Respekt vor der Höhe verlieren“, sagt Driller. „Ob zehn Meter im Schwimmbad oder 180 Meter am Kraftwerksturm, man darf nie nachlässig werden, muss immer konzentriert arbeiten, ohne sich hetzen zu lassen.“

Körperlich und psychisch fordernd

Bei Arbeiten in der Tiefe, wie zum Beispiel in Brunnen- oder Revisionsschächten, kann es wiederum eng werden. Deshalb sollten Interessierte nicht nur frei von Höhen-, sondern auch von Platzangst sein. Das fordert, körperlich wie mental. „Die psychische Anstrengung bleibt immer, auch wenn man es sehr lange macht“, sagt Kerstin Finger, Niederlassungsleiterin NRW der 3ker-ras-group in Dortmund.

Die Seilzugangstechnik ist dabei kein klassischer Ausbildungsberuf, und auch kein eigenständiger Beruf. Man erlangt die Zusatzqualifikationen zum Industriekletterer durch Schulungen bei den entsprechenden anerkannten Verbänden, erklärt Finger. Dazu muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Viele bringen eine handwerkliche Ausbildung mit, die sie für Arbeiten an Windkraftanlagen, Seilbahnen oder auf Hochhausdächern qualifiziert.

Drei Level für Höhenarbeiter

Das Zertifikat zum Industriekletterer umfasst drei Kurse mit steigenden Schwierigkeitsgraden, erklärt der Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken (FISAT). Im Level-1-Kurs bekommt man unter anderem die Grundlagen von Auf- und Abstieg vermittelt.

Mit Level 2 wird der Aufbaukurs für Höhenarbeiter gekennzeichnet. Die höchste Qualifikationsstufe, Level 3, richtet sich an erfahrene Seiltechniker, die Führungsaufgaben oder die Leitung auf einer Baustelle übernehmen. Die Kursgebühr legen die einzelnen Anbieter fest. Die Ausbildung zum Industriekletterer in Level 1 kostet zum Beispiel um die 900 Euro, es können zusätzliche Ausleih- und Prüfungsgebühren anfallen.

Der Verdienst für Industrie- und Fassadenkletterer ist dann stark von der beruflichen Qualifikation und der ausgeführten Tätigkeit abhängig. Zwischen Hilfsarbeiter und ausgebildetem Ingenieur kann es große Unterschiede geben.

Berufsbild bei Berufenet

Quelle: wz.de

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