Ernst-Andreas Ziegler
Gründervater der Junior Uni

Rund zwölf Jahre ist es her, da hatte Ernst-Andreas Ziegler – bis 2003 Leiter des Presseamtes der Stadt Wuppertal – einigen Grund zum Ärger. Seine Heimatstadt war mehr im Gerede als im Gespräch, was ihn schon von Berufs wegen wurmte. Und außerdem passte es ihm nicht, dass viel über frühkindliche Bildung gesprochen, aber nichts Wesentliches auf den Weg gebracht wurde. Der asketisch wirkende gelernte Journalist ist Langläufer aus Passion, und beim Laufen kam ihm die Idee, wie er der Stadt, in der sich – wie eine namhafte Zeitung schrieb – nur noch das bewegte, was der Wind bewegte, zu ein wenig mehr Glanz verhelfen konnte.

„Viele Städte haben eine Junior Uni, aber jeweils nur für einen Tag. Warum daraus keine Dauereinrichtung machen?“ fragte er sich. Und ging daran, diesen Gedanken mit Leben zu erfüllen.

„Wem ich auch immer von meiner Idee erzählte, die meisten glaubten nicht, dass das ein Erfolg sein würde“, erinnert Ziegler sich. Da die Stadt Wuppertal auch vor mehr als einem Jahrzehnt schon leere Kassen hatte, war von dort keine finanzielle Hilfe zu erwarten. Ziegler sprach die Leiter großer Wuppertaler Unternehmen an, stieß auf Wohlwollen und weitsichtige Firmeninhaber, die das Projekt finanziell unterstützten. „Ich habe damals wie heute großartige Mitarbeiter gewonnen“, berichtet Ziegler, der auch Mitbegründer der Städtepartnerschaft Wuppertal-Kosice war, und nennt dabei vor allem die kürzlich viel zu früh verstorbene Dr. Ina Krumsiek, die gemeinsam mit ihm Pionierarbeit leistete.

Und vor zehn Jahren, genauer gesagt am 3. Dezember 2008, wurde die Vision Wirklichkeit: Wuppertal hatte eine Junior Uni, in der wissbegierige junge Menschen von vier Jahren bis zum Abitur unter fürsorglicher Anleitung außerschulisch von 150 namhaften Dozenten vornehmlich naturwissenschaftlich forschen können. „Einzigartig in Deutschland und vermutlich in ganz Europa“, so Ziegler über sein „Kind“, das Wuppertal – ähnlich wie bei der Schwebebahn – ein Alleinstellungsmerkmal verleiht.

Einzigartig in seiner Buntheit und Fröhlichkeit ist das einprägsame, 2013 fertig gestellte Uni-Gebäude am Brögel in Barmen mit eigenem Campus direkt an der Wupper. Und auch das Lehrprogramm mit den Schwerpunkten Naturwissenschaften und Mathematik, Technik und Ingenieurwesen, Wirtschafswissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften und Kunst und Kultur ist außergewöhnlich.

„Lernen ohne Druck“ lautet das Motto der Junior Uni. „Wie ein Sportverein, allerdings für den Wissenserwerb“ erklärt Ziegler die „Mut zur Zukunft“-Idee der Junior Uni. „Junge Menschen machen das Forschen an der Junior Uni zu ihrem Hobby, zu etwas, das man einfach gern macht.“

Rund 65 000 Studienplätze wurden in den letzten zehn Jahren vergeben, davon mehrere an Nora Fleing (19), die mit neun Jahren schon Studentin an der Junior Uni und seit 2013 in dem attraktiven Gebäude am Brögel war und im Herbst Medien- und Kulturwissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf studieren will. Seit sie 15 Jahre alt ist, assistiert sie auch den Dozenten der Junior Uni. „Frau Dr. Ariane Staab (seit neuestem auch Mitglied der Geschäftsführung, d. Red.) hat mich damals angesprochen“, berichtet Nora. Dass Studenten im Laufe des vergangenen Jahrzehnts eine regelrechte „Junior Uni-Karriere“ absolviert haben, ist keine Seltenheit, wie Karin Röhrich, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, berichtet.

Dabei halten sich Mädchen und Jungen auf dem Campus ungefähr die Waage. „48 Prozent Mädchen, 52 Prozent Jungen hat die Bergische Universität festgestellt“, sagt Röhrich, die bestätigt, dass die „Forschungsplattform im Bergischen Land“ so der „Untertitel“ mit Schulen und auch Kindergärten sehr gut vernetzt ist. „So können wir auch die Kinder und Jugendlichen ansprechen, die wir über ihre Eltern eher nicht erreichen“, berichtet Dr. Thorsten Balgar, Dozent und wissenschaftliche Koordinator der Junior Uni. „Dass es uns gibt, wissen auch schon die Grundschüler“, stellt Karin Röhrich stolz fest. Der Diplom-Chemiker Balgar ist auch für die Zusammenstellung des Studienprogramms verantwortlich. „15 bis 20 Prozent unseres Programms besteht aus neuen Kursen, wobei wir uns natürlich neuen Entwicklungen und Herausforderungen anpassen“, sagt er, betont aber auch, dass die Kurse nur eine Ergänzung zum Schulprogramm sein können.

Was man der Schule voraus hat? „Bei uns sind die Kurse mit maximal 15 Teilnehmern überschaubar, sodass jede und jeder aktiv mitarbeiten kann. Gerade das weckt die Begeisterung für die wissenschaftliche Arbeit bei uns“, berichtet Balgar. Dazu kommt, dass das Mitwirken in den Kursen – derzeit sind es 208 – freiwillig ist. „Abbrecher gibt es praktisch gar nicht“, bestätigt Balgar, weist aber darauf hin, dass nur die Anwesenheit bei den Kursen auch mit der Teilnahme-Urkunde belohnt wird.

Am begehrtesten sind die Kurse in Informatik, die natürlich dem Alter der jeweiligen Kursteilnehmer entsprechen. Anmelden kann sich jeder interessierte junge Mensch. „Bei uns gibt es keine Aufnahmeprüfung, und wir fragen auch nicht nach schulischen Noten“, stellt Thorsten Balgar unmissverständlich fest.

Die Kosten für die Kurse liegen bei überschaubaren fünf bis zehn Euro pro Semester. „Darin ist auch ein Ticket des VRR enthalten“, so Balgar. Ein positiver Umstand, der das „Eltern-Taxi“ weitgehend überflüssig macht. Dass auch dieser relativ kleine Obolus nicht immer aufgebracht werden kann, ist ein Problem, das von der Junior Uni gelöst wird. „Dann greift entweder das Bildungs- und Teilhabe-Paket, oder wir versuchen einen Sponsor zu finden. Eine Kursteilnahme an der Junior Uni ist noch nie an den nicht vorhandenen Finanzen gescheitert“, sagt Karin Röhrich.

Mit welcher Freude die jungen Studenten bei der Sache sind, das konnte man am 15. September beim Sommerfest an 29 Demonstrationsständen einer sichtlich beeindruckten Öffentlichkeit feststellen. Rund 7000 Besucher waren es, die den jungen Forschern zuschauten, und mancher Gast dürfte auf dem Heimweg stolz festgestellt haben, dass es das nur in Wuppertal gibt. Womit er dem geistigen Vater der Junior Uni Professor, Dr. Ernst-Andreas Ziegler, aus dem Herzen gesprochen haben dürfte.

Dez 3, 2018