Das perfekte Dasein: Ewig Kind sein

14. Januar 2019

Als kleines Kind wollte ich weder Feuerwehrmann noch Lokomotivführer oder gar Schwebebahnfahrer werden. Auf diesbezügliche Fragen von Erwachsenen habe ich auch nie geantwortet. Alleine die Vorstellung, ich selber könnte irgendwann erwachsen sein, war für mich zutiefst beängstigend. Wäre ich damals in der Lage gewesen, mein Altern aufzuhalten, ich hätte nicht gezögert, es zu tun. Das perfekte Dasein war für mich das ewige Kindsein. In meiner kleinen Welt lebte ich mit der Hoffnung, dass Vater und Mutter niemals sterben würden. Und Oma nie aufhört, die leckeren Eintöpfe aus Karotten oder Kappes für mich zu kochen.

Natürlich war ich viele Jahre später froh, dass ich nicht mehr in kurzen Lederhosen herumlaufen musste, mir aber endlich angstfrei Zigaretten ziehen konnte, eine eigene Wohnung und Sex hatte. Aber die Herausforderungen des Alltags, das eigene Leben zu organisieren, ohne sich hinter Vater und Mutter verstecken zu können, das war für ein Sensibelchen wie mich nicht einfach. Daher war mein recht später Auszug aus der elterlichen Wohnung – ich hatte schon meine erste Brücke – nur allzu verständlich.

Heute, im gestandenen Mannesalter, erwache ich ohne diese Sorgen, und auf dem Weg ins Badezimmer summe ich eine vergnügliche Melodie. Wenn mich morgen jemand fragen würde: „Was wolltest du als Kind einmal werden?“, dann würde ich antworten: „Bürokaufmann!“ Dies entspricht zwar nicht der vollen Wahrheit, ist aber nun mal mein einzig erlernter Beruf, und würde dem Fragesteller signalisieren, dass ich mein Leben von Anfang an voll im Griff hatte.

Ich bin aber sehr froh darüber, dass ich meinen Lebensunterhalt mit der Ausübung verschiedenster Tätigkeiten bestreiten durfte. Ich begann, wie bereits mehrfach in anderen Kolumnen an dieser Stelle erwähnt, mit einer kaufmännischen Ausbildung in einem Schwelmer Autohaus. Nach bestandener Prüfung wechselte ich zu einer Top-Adresse in Wuppertal, dem damals größten Volkswagen-Dealer der Stadt, bei dem ich als Fakturist tätig war.

Da ich in naher Zukunft einen Wechsel in die Gastronomie plante, bewarb ich mich einige Zeit später beim ersten konsumgenossenschaftlichen Supermarkt Deutschlands (Co op AG), wo mir als Kommissionär wichtiges Wissen rund um die Lebensmittelbranche vermittelt wurde. Um für die darauf folgenden Arbeiten als Chefredakteur und Kolumnist bestens präpariert zu sein, wechselte ich später zum Pressegroßhändler Max Probst und leitete dort verantwortlich gut zwei Jahre den Wareneingang.

Mit diesen divergierenden Tätigkeiten sammelte ich viele Erfahrungen, die mein Leben bereicherten. Ich bin aber auch heilfroh, dass ich nie in den Berufen tätig war, von denen kleine Jungs früher träumten. Vor einiger Zeit beobachtete ich einen Feuerwehreinsatz, bei dem eine kleine Miezekatze aus einem Baumgipfel gerettet wurde. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, einer Katze auf einem Baum hinterher zu klettern. Und als Lokomotivführer, sind wir ehrlich, ist man heute auch nicht mehr hoch angesehen, sondern eher mitverantwortlich für das Verspätungschaos der Deutschen Bahn.

Einen großen beruflichen Traum habe ich noch: Wenn Horst Seehofer nicht nur drohen würde, dann wäre bald der Weg frei, für den ersten sexy Bundesminister des Inneren für Bau und Heimat.

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